Leseprobe aus "Wir sind keine Insel"

Wir sind keine Insel

 

Leseprobe

 

 

Vielleicht bin ich nur ein Stück in deiner Sammlung, vielleicht suchen wir uns im anderen nur selbst zu bestätigen? Ich will das nicht weiter analysieren. Es erklärt im Grunde nichts. Ich verstehe auch noch, daß das Glück zum Leid gehört wie die Helligkeit zur Dunkelheit, ohne das eine wäre das andere nicht da. Darum muß alles bezahlt werden.

Aber warum müssen auch die Leid ertragen, die das Glück nicht erfuhren, müssen für etwas bezahlen, was sie nicht erhalten haben? Wo ist hier die Kehrseite? Warum verlassen geliebte Männer und Väter ihre Frauen und Kinder, wenden sich jüngeren zu und stürzen ihre Frauen ins Unglück? Warum tun Menschen sich das an?“

„Warum tun Menschen sich überhaupt etwas an“, entgegnete sie leise. „Vielleicht können sie ihr Glück nicht mehr erkennen, sie stehen zu dicht davor.“

Ich weiß vieles, aber ich weiß nicht alles. Ich möchte die Erde aufklappen, bis auf ihren Grund vordringen und ihr den Stein der Wahrheit entreißen. Denn in jedem Stern liegt eingebettet in seinem tiefen Innern der Stein der Wahrheit, fest verschlossen, einbetoniert wie eine Papyrusrolle im Fundament eines Hauses.“

 

Fragend sah Silke ihn an: „Birgit?“

„Ja“, sagte er, „das ist eine lange Geschichte. Sie war damals drei oder vier Jahre aus der Schule. Die Begegnung war zufällig - oder war sie schicksalhaft? -, das Ende war schicksalhaft, oder war es nur alltäglich banal? Das ist das Schlimme, verstehst du, das ist das Schlimme, daß ich das nicht weiß.“

Silke schüttelte den Kopf: „Ist das so wichtig? Für mich ist das eine philosophische Frage, zu der ich keinen Zugang habe, für mich zählt nur die Logik der Kausalität, Ursache und Wirkung. Einer Ursache folgt eine Wirkung und - Ende, oder die Wirkung wird zur neuen Ursache mit einer neuen Wirkung. Das ist logisch und vielleicht zweckgerichtet, vielleicht nützlich oder auch nicht, einen Sinn vermag ich hinter allem nicht zu ergründen.“

Er hörte sie nicht, fuhr unbeirrt fort, gefangen in einer vierten Dimension, in der die Vergangenheit sich mit der Gegenwart verbunden hatte.

„Ich liebe Dich so, daß ich schon fast Angst habe“, hatte sie ihm in einem Brief geschrieben. „Es schmerzt mich der Gedanke, daß ich bald räumlich nicht mehr in Deiner Nähe bin. Aber ich spüre, daß wir uns nicht verlieren, sondern – vielleicht auf einer höheren Ebene – neu gewinnen werden. Du wirst immer einen großen Platz in meinem Herzen behalten.“

„Was ist davon geblieben? Ich weiß es nicht“, wiederholte er, „ich weiß es bis heute nicht, das ist das Schlimme, bloße Banalität, tausend-, millionenfach sich wiederholend oder – ja was eigentlich?

 

 

( Fabius war noch gefangen in einer anderen Zeit.)

Birgit und Fabius standen sich gegenüber. „Jetzt muß ich aber wirklich gehen. Weißt du“, sagte er, wenn ich den Roman über uns geschrieben habe, wird dies eine bedeutsame Stelle für die Interpretation werden. 'Er wollte mit ihr schlafen und tat es nicht', wird der Lehrer fragen, 'warum tat er es nicht, was können wir daraus schließen?'“

„Die Schüler werden antworten, daß der aber ganz schön blöd war“, sagte sie lakonisch.

Sie umarmten sich lachend. „Ich möchte mit dir schlafen“, flüsterte er.

„Ich auch mit dir“, antwortete sie.

An diesem Abend erklommen sie die zweite Stufe auf dem ihnen vorbestimmten Weg zu den Höhen des Glücks, von dem sie nur wußten, daß es nur einen Weg aufwärts gab und sie sich nur mit Behutsamkeit auf jeder gewonnenen Sprosse halten konnten. Ein falscher Schritt würde für sie den Fall nach ganz unten bedeuten, und der Fall würde um so rasender sein, je näher sie dem Gipfel gekommen waren.

Der erste Schritt zum Gipfel ist immer auch der erste Schritt zum Abgrund.

 

„Warum bin ich nun zu dir gekommen, kannst du mir das sagen?“ Fabius Fenschow schien aus der vierten Dimension zurückgekehrt in die Gegenwart. Fragend sah er Silke an. „Ist es, weil sich die chemische Flüssigkeit in Bewegung gesetzt hat oder aus welchem anderen Grund? Kannst du mir das sagen mit deiner Logik? Was sagt deine Kausalkette dazu?“

Bis hierhin hatte sie den Roman gelesen.

„Du wirst verstehen“, sagte er, „daß ich nicht weiß, wie der Roman nun weitergeht, da ich deine Antwort noch nicht kenne.“

„Ach“, sagte sie, „ich bin Silke, und ich soll die Antwort geben?“

„Ja“, sagte er, „du bist Silke, und du sollst die Antwort geben.“

Lange war es still.

„Warum konnten die Menschen der Medusa nicht in die Augen sehen, warum versteinerten sie?“, fragte sie unvermittelt und sah an ihm vorbei.

Er sah sie verblüfft an. „Ich dachte, ich hätte dir eine Frage gestellt“, sagte er, „willst du nicht antworten?“

Sie holte ihren Blick zurück, sah ihm gerade in die Augen, doch er wich ihr aus. „Vielleicht weiß ich eine Antwort, wenn Sie mir meine Frage beantwortet haben?“

„Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

„Versuchen Sie es.“

Sein Blick irrte in die grenzenlose Weite, als suche er dort einen verlorenen Gedanken.

„Wer der Medusa in die Augen sieht, erkennt in ihnen die reine, nackte Wahrheit und sieht sich im Spiegel dieser Wahrheit. Kein Mensch kann die reine Wahrheit ertragen, deswegen versteinert er in dem Augenblick, in dem er sie erkennt.“

„Wollen Sie immer noch wissen, warum Sie hergekommen sind?“

Sein Blick rastete ein, einen Augenblick lang sah er sie verwirrt an, dann lachte er laut heraus. „Du bist ja eine Philosophin, ich wollte von dir wissen, was deine Logik dazu sagt, welche Antwort deine Kausalkette für uns hat, oder hast du keine, weichst du nur aus?“

„Haben Sie uns nicht gelehrt, daß die Dinge und Erscheinungen vielleicht ganz anders sind, als wir sie sehen, daß sich hinter ihnen möglicherweise eine ganz andere Wahrheit verbirgt?“

„Hast du mir nicht gerade erklärt, daß diese Fragen für dich nicht existieren, daß es für dich nur eine Kausalkette von Ursache und Wirkung gibt?“

„Vielleicht liegt es daran, daß Sie es uns gesagt haben?“

„Ist denn die Wahrheit abhängig von dem, der sie verkündet?“

„Was ist Liebe?“, fragte sie plötzlich.

„Das fragst du mich?“ Seine Augenlider flatterten leicht irritiert, „das mußt du deine Naturwissenschaftler fragen, die haben eine Antwort für dich, die lückenlos in deine Kausalkette paßt. Sie werden dir erklären, daß Liebe Chemie ist. Sie, die Liebe, keimt dann, wenn Nervenzellen Signale auf Grund bestimmter äußerer Reize aufnehmen und an andere – geeignete Nervenzellen, versteht sich – ,“ spöttelte er, „vermittels der beiden Neurotransmittern Dopamin und Norepinephrin übertragen. Siehst du, so einfach ist das.“

Er sah auf die Uhr. „Es wir Zeit für mich zu gehen“, sagte er.

 

 

Es roch nach Herbst. Jede Jahreszeit hatte ihren eigenen Geruch, besonders der Herbst. Er roch nach umgepflügter Erde, ein wenig nach Moder und nach Tod. Die Bäume ließen ihr Laub sterben und warfen es ab. Nächstes Jahr würde es ihnen als Nahrung dienen, damit sie neues Laub gebären konnten. Bevor das Laub zur Erde taumelte, schmückte es sich mit den prächtigsten, buntesten Farben, nicht mit schwarz. Warum war der Tod schwarz?

Dabei gab es in der Natur gar keine Farben, überlegte er, es gab kein grünes Gras und kein buntes Laub, die Natur kannte keine Farben. Die Naturwissenschaftler hatten herausgefunden, daß Farben eine bloße Vorspiegelung der menschlichen Psyche sind, sie sind nichts weiter als Energiewellen unterschiedlicher Längen, und die Farbvorstellung, so sagten die Wissenschaftler, sei nur ein Produkt der Psyche, das außerhalb des Gehirns erzeugt würde. Es entstünde gewissermaßen im Schnittpunkt zweier gedachter Linien hinter dem Gehirn, denn im Gehirn selbst bleibe es dunkel. Dies alles hatten sie entdeckt. Wie die Vorstellung allerdings dort hin kommt und wie sie überhaupt erzeugt wird, das wußten sie immerhin noch nicht, dachte er.

Aber sie würden es schon noch herausfinden. Sie würden es schon noch herausfinden, wenn ihnen ihre Kollegen von der anderen Fakultät nur genügend Zeit ließen. Denn auch die waren fleißig gewesen. In einer großen Stadt hinter dem Atlantik, so hatte er kürzlich in einem unscheinbaren Artikel gelesen, war aus einem biologischen Forschungszentrum eine größere Menge eines Giftes entwendet worden, von dem bereits eintausend Gramm ausreichten einhunderttausend Menschen umzubringen.

 

 

„Was ist Liebe? Ist sie nicht etwas Einmaliges, muß nicht durch sie die Kraft der Selbstlosigkeit wirken?“, er blieb stehen und sah Birgit an.

Sie hatten ihren Weg am Rande des Waldes fortgesetzt. Ein rotglühender mächtiger Ball schien langsam hinter dem Rand der Erde in einem unermeßlichen Meer zu versinken.

„Würde Liebe nicht den Bestand der Art gefährden, wenn sie ständig nach selbstlosen Opfern verlangte?“, erwiderte sie herausfordernd.

„Weißt du“, sagte er etwas unsicher, ohne auf ihren Einwand einzugehen, „vielleicht sind wir nur verliebt ineinander. Und Verliebtheit, denke ich, ist ein für den Augenblick geborenes Gefühl, es lebt nur vom Reiz des Neuen. Liebe muß den Tag aushalten“, fügte er lächelnd hinzu.

„Vielleicht wird man sich der Liebe aber auch erst dann bewußt, wenn man sie verloren hat?“

„Das ist wohl meistens so, seltsam, aber ich glaube, daß Liebe, Zuneigung, Zuwendung oft erst hinterher überhaupt bemerkt werden, wenn sie verloren sind. Plötzlich hat der Verlust wie mit einer scharfen Rasierklinge ein Loch geschnitten, das schmerzt, und an dem Loch merkst du, das da etwas gewesen ist. Das Loch versuchst du nun zuzustopfen - mit Erinnerungen. Die Erinnerungen sind aber voller Stachel, gleich den Dornen einer Rose, und reißen neue Löcher, weil du sie nicht beizeiten ernstgenommen hast - die Liebe.“

 

 

Und eines Tages war er dann gekommen, der Zeitpunkt, allerdings war es kein geeigneter, wie er ihn sich vorgestellt haben mochte. Florentine saß neben ihm auf dem Sofa, sie hielten sich umarmt. Plötzlich traf ihre Frage ihn wie ein Peitschenschlag, dabei war sie sanft und fast leise gestellt: „Hast du mich schon mal betrogen?“

 

Nun war sie heraus, die Frage, stand eine Weile reglos im Raum, unschlüssig, als wüßte sie nichts mit sich anzufangen, hallte nach, erhob sich dann drohend und breitete sich zwischen ihnen aus wie eine Giftwolke. Es war gekommen, wie es hatte kommen müssen. Er kehrte seinen Blick nach innen. Und nun?

Zögernd kam seine Antwort, gepreßt, er habe sowieso schon lange, es sei nicht so, wie sie vielleicht dächte, nein, kein betrügerischer Seitensprung, kein billiger Tand an der Oberfläche. Ob er das wohl nötig habe? Vielmehr sei es so, er liebe sie, und sie liebe er auch, er liebe sie eben beide. Er war stolz und überzeugt, sie müsse es auch sein. Eigentlich habe er es ihr ja schon lange sagen wollen, es habe wirklich keine betrügerische Absicht bestanden, die Zeit sei einfach noch nicht reif gewesen, schließlich sei Birgit auch noch nicht so weit, und ob sie nicht zu dritt?

Jemand mußte alle Uhren angehalten haben, nichts bewegte sich, selbst der geringste Atemzug war eingefroren, die Zeit war einfach stehengeblieben. -

 

 

 

„Ich möchte noch einmal mit Birgit zusammenkommen“, sagte er zu Florentine, „sie fährt in wenigen Tagen endgültig nach Freiburg, wir werden uns dann ohnehin nicht mehr sehen, wir wollen Abschied nehmen. - Oder soll ich lieber bei dir bleiben?“ Er spürte ihre starke Anspannung, unter der sie litt, die sie eisern zu bezwingen suchte, und wie sie sich mit der dünnen Haut scheinbarer Gleichmut zu schützen trachtete.

„Nein geh nur, geh, es ist ganz gut, wenn du mich jetzt mal alleine läßt, damit ich Abstand gewinnen, wieder zu mir zurückfinden kann.“

......

 

 

Dieser Morgen sollte der letzte sein, sie versuchten aufkommende Wehmut mit Scherzen zu überlagern.

„Ich muß jetzt gehen, glaube ich, wollen wir noch einen Spaziergang machen?“

Sie nickte, „Ja ich komme mit, ich bringe dich noch ein Stück, ich könnte jetzt sowieso nicht alleine hier in der Wohnung bleiben.“

Sie verabschiedeten sich, sie wollte nach Hause gehen. Ein wenig später stand er vor ihrer Tür, klingelte stürmisch: „Sind sie Frau Kleinschmid? Hier ist der Eilbote, ich habe Ihnen noch etwas abzugeben.“

„Ich habe gewußt, daß du noch einmal kommst“, sie lächelte ihn traurig an, sah dann über ihren Schreibtisch aus dem Fenster, „ich wollte gerade wieder gehen, ich hab' es hier nicht mehr ausgehalten.“

Der Spaziergang dauerte bis in den Nachmittag, sie erzählte scheckernd von ihren Erlebnissen, den Erlebnissen ihrer Freundinnen und schloß mit den Worten: „Wenn du mich hast, sparst du dir die Tageszeitung.“ Fröhlichkeit aber wollte nicht mehr aufkommen, das Lachen nicht mehr gelingen. „In ein paar Wochen werde ich noch einmal herkommen, ich werde dir schreiben.“

Sie winkte vom Ende der Brücke zu ihm herüber, in ihren Blicken traf sich die Traurigkeit.

 

Er fand das Haus leer. Der Brief lag auf dem Tisch, auf dem Umschlag stand „Für Dich“.

Die Tachonadel zeigte 150, 160, 170. Er fuhr nicht Autobahn, eine Autobahn führte nicht nach Leine, er fuhr Landstraße. Bäume zischten scheinbar an ihm vorbei, in Wirklichkeit war es umgekehrt, oder waren es doch die Bäume? Der Asphalt zog in rasendem Sog unter ihm hindurch. Ging es nicht schneller? Er kam durch ein langgestrecktes Dorf, die Nadel zeigte immer noch 150, 140 und wieder 150. Jeder hatte Glück, der im Haus geblieben, nicht auf der Straße war, jeder, der eine Sekunde eher über die Straße gegangen war oder eine Sekunde später gehen würde. Fabius hatte Glück. Ein gütiges Schicksal schien seine Hand über ihm zu halten.

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