Planet der Ratten - Leseprobe - Auszüge

 

 



Man schrieb das Jahr 2995 n. Z., neuer Zeitrechnung. Allmählich hatte man die Oberfläche der Erde wieder besiedeln können, der ursprüngliche Instinkt der Ratten war einer zunehmenden Intelligenz gewichen. Man hatte viele Kriege gegeneinander ausgefochten bei denen es um Einfluß, Macht, Absatzmärkte, Nahrungsstoffe u.ä. gegangen war, wobei man sehr kunstvoll die eigentlichen Gründe mit Glaubensgrundsätzen oder Ideologien übertüncht hatte, oft so gut, dass die eigentlichen Gründe überhaupt nicht mehr erkennbar waren. Man hatte hervorragende Verteidigungswaffen, wie sie genannt wurden, entwickelt, mit denen man der jeweiligen Gegenseite vernichtende Schläge hatte beibringen können. Viele Ratten waren seither auf dem „Felde der Ehre“ gestorben, wobei niemand zu sagen wußte, woher der Begriff „Feld der Ehre“ eigentlich kam.


So hatte man zunächst die Erde unter sich aufgeteilt, fein säuberlich verlief zwischen Ost und West auf dem Kontinent, der früher von den Menschen Europa genannt worden war, der Einfachheit halber hatte man den Namen beibehalten, eine Mauer von Nord nach Süd gebaut. Auch die südliche Halbkugel hatte man unter sich aufgeteilt, die Gebiete besetzt, in der Terminologie beider Seiten lautete der offizielle Begriff dafür befreit, befreit von ihrem falschen Glauben, von ihrem unwürdigen Leben, um ihnen die wahre Wahrheit beizubringen, ihnen zum richtigen Leben zu verhelfen, und ließ sie dafür arbeiten, im offiziellen Sprachgebrauch wiederum hieß es, man gewähre ihnen brüderliche Hilfe, die andere Seite sagte Entwicklungshilfe.



Ramon war ein Angehöriger der Weststämme, die sich alle unter der Führung der größten Wanderratten jenseits des Atlantik zu den Vereinigten Weststämmen zusammengeschlossen hatten zum Schutz gegen das Böse, wie es den Rattenbabys schon als Einschlaflied gesungen wurde. Ramon war von seinem Bruder Ratis getrennt worden, als nach Beendigung des bisher letzten Krieges die große Mauer gebaut wurde, in Liedern der Oststämme oft heroisch als eherner Schutzwall des Friedens besungen, und Ramon von der Großen Schutzmacht aller Weststämme den Weststämmen und Ratis von der Großen Schutzmacht aller Oststämme den Oststämmen zugeschlagen wurde.

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Ramon war eine angesehene Ratte und bezog ein einträgliches Einkommen in einer Fabrik, die Verteidigungswaffen herstellte. Ramon war sehr stolz darauf, führend an einer Erfindung von Rattengift beteiligt gewesen zu sein, von dem ein Gramm genügte, über eine Fläche von mehreren Millionen Quadratmetern zerstäubt, alle dort lebenden Ratten umzubringen. Es traf sie sogar noch in den Löchern und Höhlen, in die sich die feindlichen Ratten aus Angst feige verkriechen würden.

Ramon war dafür von den Mächtigen öffentlich belobigt worden und hatte einen Verdienstorden für hervorragende Arbeit an der Verteidigungsbereitschaft des Vaterlandes, für die Verteidigung westlicher Freiheit, Kultur und Denkungsart erhalten.


 

Am nächsten Morgen fand Ramon die Einreisegenehmigung in die östliche Rattoratkratie die sein Rattenbruder Ratis dort für ihn und Ramona beantragt und ihm nun  geschickt hatte, damit Ramon und Ramona ihn besuchen konnten.

„Wir haben die Einreisepapiere!“, erfreut fuchtelte Ramon mit den Papieren vor Ramonas Augen herum, „wir können fahren und Ratis besuchen, „ist das nicht knorke?“ Bei dem Gedanken wurde es Ramon richtig warm um sein Rattenherz, „nach so vielen Jahren kann ich meinen Bruder endlich wiedersehen. Laß uns packen, wir können morgen schon fahren“.

„Morgen schon?“, fragte Ramona, „das wird nicht gehen“.

„Warum nicht?“

Wir müssen doch noch einkaufen, wer weiß, ob die überhaupt was zu fressen haben und was Ordentliches zu saufen“.

„Du hast recht“, sagte Ramon, „morgen kaufen wir ein und übermorgen fahren wir“.


„Und wenn die uns nun nicht wieder raus lassen?“, fragte Ramona ängstlich, auch sie hatte schlecht geschlafen.

„Unsinn, warum sollten sie das tun“?

„Vielleicht sperren sie uns ein, man hört so viel.“.

„Wie kann man nur so dumm sein“, knurrte er, während er sich sorgfältig anzog, schließlich war er Angehöriger der überlegenen Weststämme und wollte dies den armen Verwandten auch zeigen. Selbstgefällig sah er in den Spiegel, als er fertig war .Er war mit sich zufrieden, so konnte er sich sehen lassen. sie würden nicht umhin können, ihn als Vertreter der überlegenen und besseren Hälfte aller Rattenstämme zu bewundern und zu beneiden. Wohlgefällig strich er mit seiner Vorderpfote über seine Barthaare.

Dann waren sie soweit und konnten endlich aufbrechen. Ramons Herz pochte heftig, als sie in Richtung Osten fuhren. Wenn Ramona nun doch recht hatte und sie gleich an der Grenze verhaftet würden? Weshalb hatten sie ihm überhaupt die Genehmigung gegeben, wollten sie ihn vielleicht aushorchen? Unwillig aber doch auch ein wenig ängstlich schob er diesen Gedanken beiseite.

Plötzlich tauchte sie vor ihnen auf:

DIE GROSSE MAUER

Eine hohe Mauer teilte die Straße und schlängelte sich dann wie eine riesengroße Schlange rechts und links weit in die Landschaft hinein. Die Straße endete vor einem Tor, das gerade so breit war, dass ein motcar in jede Richtung durchfahren konnte: Er sah ein großes Schild mit der Aufschrift:

 

WILLKOMMEM IM PARADIES DER
ARBEITSRATTEN

Darunter stand:

JEDE RATTE  IST EIN GLIED UNSERES
RATTENSTAMMES

Er drehte sich um und sah vor dem Eingang in das so genannte freie Land der Vereinigten westlichen Rattenstämme, das er gerade verlassen hatte, ein Schild mit der Aufschrift:

 

WILLKOMMEN IM PARADIES DER
FREIEN RATTEN

Und darunter:

DER  RATTENSTAMM  IST DIE SUMME ALLER
RATTEN  

Ramon schüttelte die Schnauze, sah nach vorne, wo war der Unterschied? Er las weiter:

 

DER RATTENSTAMM  IST ALLES

JEDE RATTE IST NUR EIN TEIL DES

RATTENSTAMMES

Er drehte sich noch einmal und las:

 

DIE  EINZELNE RATTE IST ALLES

DER RATTENSTAMM  IST NUR EIN  BUND

 FREIER  RATTEN

 


Hinter ihnen schloß sich das Tor. Ramona drehte sich ängstlich um, trat es schon ein, was sie befürchtet hatte, waren sie schon gefangen?

 

 

„Was heißt denn nun einer für alle, alle für einen?“ Ramon nahm übergangslos das Streitgespräch mit seinem Bruder wieder auf, er hatte sich die ganze Nacht auf seinem Lager herumgewälzt und keinen rechten Schlaf gefunden, „also ehrlich gestanden ist mir das immer noch nicht klar“.

„Wir wollen, daß alle Ratten glücklich sind.“

„Sind denn alle Ratten glücklich?“

„Also - nun – eh - naja also alle - alle vielleicht noch nicht, aber die machen wir auch noch glücklich.“

„Wie macht ihr das denn?“

„Wir sperren sie ein“.

„Und das macht sie glücklich?“

„Wat’s ab, so schnell geht das nicht. Sie kommen in einen abgeschirmten dunklen Käfig, bekommen nur Wasser und trockne Haferflocken.“

„Und jetzt sind sie glücklich?“

„Nein, sei nicht so ungeduldig, so schnell geht das nicht. Wir quälen sie ein bißchen.“

„Wie das?“

„Wir beißen sie ein wenig, hier ein bißchen, da ein bißchen, hauen ihr ein paar auf die Schnauze.“

„Und das macht sie glücklich?“

„Habt ihr vielleicht bis heute alle eure Leute glücklich gemacht? Na bitte. Wir müssen schon etwas Geduld aufbringen.“

„Ihr oder die gefangene Ratte?“

 „Wir haben die Geduld, die gefangene Ratte muß sie mitbringen. Dann setzen wir den Käfig leicht unter Strom.“

„Aber jetzt  ist sie glücklich?“

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