Bildbeschreibungen und Abbildungen

Persischer Esfahan, 20. Jh., 72 x 108 cm, über 900 000 PKn/m2

In der Tiefe des Bildes führt eine Treppe zu einem Pavillon, rechts und links gesäumt von Bäumen, ein strahlend blauer Himmel im Hintergrund, ein paar verstreute Wolken. Der Blick des Betrachters wird sofort angezogen von den beiden Personen, einer Frau und einem Mann, im Vordergrund es Bildes. Sie spielt auf einer Laute, vielmehr scheint sie es zu versuchen, es gelingt ihr offensichtlich nicht so, wie sie es sich wünscht, ihr Ausdruck ist betrübt und traurig.. Ihr Partner will sie trösten, begütigend reicht er ihr eine Schale, wahrscheinlich gefüllt mit Tee, zu ihrer Beruhigung, sein Blick ist mitfühlend milde.

Der Maler, auch Musterzeichner genannt, hatte entweder Schwierigkeiten mit der Perspektive, oder er hat bewußt darauf verzichtet, denn um über die Treppe zu dem Pavillon zu gelangen, müßte man erst eine steile Wand erklimmen. Berücksichtigen wir allerdings das Verbot der perspektivischen Darstelluing durch den Islam, so könnte es auch ein vorsichtiger Versuch des Zeichners sein, diese Verbot zu umgehen. Sehen wir uns die mit verschiedenen Rot- und Brauntönen gemalte Kuppel des Pavillons an, so dürfen wir vermuten, der Maler habe auch hier bei der Auswahl seiner Farben weniger an die Wiedergabe einer realen Kuppel gedacht. 

Zusammengenommen läßt uns nun vielleicht grade das zum Wesentlichen, zum Eigentlichen des Bildes vordringen, läßt uns erkennen, daß alles das bei diesem Bild gar keine Rolle spielt. Die ganze Schwerkraft und damit die Aussagekraft des Bildes liegt in der Ausstrahlung dieser beiden Personen, die durch ihren starken Ausdruck in den Mittelpunkt des Bildes rücken, das gesamte Bild beherrschen und den Betrachter gefangenhalten. Alles andere wird dadurch zur Nebensächlichkeit, rückt an den Rand und liefert nur einen unbedeutenden Rahmen, der nicht vom Wesentlichen ablenkt. Vielleicht wollte der Künstler genau das zum Ausdruck bringen.

In der karminroten Bordüre, die von zwei Nebenborten begleitet wird, sehen wir Vögel in Reihe paarweise einander abgewandt so sitzen, daß sich ihre Schwanzspitzen berühren und sie die Form einer leicht geschwungenen offenen Schale bilden, die an eine Opferschale denken läßt, in der eine Blüte schwebt, die wie das Auge eines Zyklopen anmutet.

Persischer Esfahan, 20. Jh., 72 x 108 cm, über 900 000 PKn/m2
Persischer Esfahan, 20. Jh., 72 x 108 cm, über 900 000 PKn/m2

Beschreibung persischer Nain

Nain, Iran, 20. Jh., 71 x 87 cm, ca. 900 000 PKn/m2

Auf einem tief nachtblauen Fond sehen wir ein Medaillon, geformt aus Vögeln und Blüten. Darin ist ein sechspassiges spitzförmiges Medaillon eingebettet, in das auf grünem Grund, der heiligen Farbe des Islam, zwei blaue und zwei weiße Blüten eingelegt sind, den Mittelpunkt bildet ein weißes, goldfarben umrandetes Medail­lon mit einer weiß und goldgeflammten Palmette im Zentrum. In der Verlänge­rung sehen wir im oberen Drittel des Feldes einen weißen Anker, in der unteren Hälfte eine ebenfalls weiße nach oben und unten spitz zulaufende Vase, beide For­men sind von hellblauen und goldgelben Blütenkränzen eingerahmt. Die untere Spitze der Vase ruht auf einer hellblau und goldfarbenen Zentralblüte, von der nach beiden Seiten je eine Blütenstaude aufsteigt, die nach außen einen Bogen schlagen und Schwanenhälsen gleichen, mit einer auffallenden weißen Blüte in der Mitte. In den unteren Ecken sehen wir hellblaue Ranken, die sich an den Rändern bis zur Mitte des Feldes winden. Die Mitte markieren zwei sog. Mondvögel, die dem Medaillon zugewandt sind. Von hier bis an den oberen Rand sind die Ecken bogenförmig von einem Feld aus weißen, hellblauen und goldgelben Vögeln und Blüten besetzt.

Die Vögel in dieser Brücke sind allerdings auf den ersten Blick nicht leicht zu entdecken. Sie verbergen sich anmutig zwischen den Blumen und je eingehender man die Brücke betrachtet, desto mehr erkennt man. Und mehr noch. Wenn wir an die Konkurrenz zwischen Nain und Esfahan hinsichtlich der Feinheit ihrer Tep­piche und ihrer Musterzeichnungen denken, so müssen wir feststellen, daß es dem Zeichner von Nain bei dieser Brücke hervorragend gelungen ist, den Anschluß an die phantasievolle Genialität der Künstler von Esfahan zu finden. Wenn wir das Medaillon noch einmal betrachten, erkennen wir, daß die Vögel und Blumen die Konturen eines Gesichtes bilden, und selbst die Augen werden von zwei kleinen weißen und blauen Vögeln dargestellt. Das Gesicht selbst allerdings erschreckt uns. Es ist ein uns grimmig anblickendes Wesen mit aufgerissenem Rachen und Zähnen, die gefährlichen Haifischzähnen gleichen. In Verbindung mit der heiligen grünen Farbe des Islam im mittleren Medaillon entzieht es sich allerdings einer Deutung, es sei denn, wie wüßten, wer es gezeichnet hat. Diese Brücke ist aber nicht signiert. Das Rätsel wird sogar noch etwas mysteriöser – oder vielleicht ein Hinweis? Wenn wir uns das Gesicht noch einmal genauer ansehen, dann fällt auf, daß die Spitze der goldgelben Umrandung des Zentral­medaillons in den aufgesperrten Rachen des Wesens wie eine Speerspitze hineinragt und sich hier darstellt wie eine herausgestreckte Zunge. Diese Zunge aber ist mit einem Querbalken belegt und bekommt damit die Form eins Kreuzes. Die Brücke wird begrenzt von nur einer sehr schmalen Bordüre, begleitet von zwei Zierstreifen. Das gedeckte Weiß der Bordüre kontrastiert zu dem tiefen Nachtblau des Fonds und ihre schlichte Ausführung zur kunstvollen Gestaltung des Hauptfeldes. Die Bordüre ist mit Blüten und Kreuzblumen im Wechsel belegt, die durch eine Wellenranke verbunden sind, und lenkt als bescheidener Rahmen den Blick des Betrachters uneingeschränkt auf dieses schöne, rätselhafte Kunstwerk.

Nain, Iran, 20. Jh., 71 x 87 cm, ca. 900 000 PKn/m2
Nain, Iran, 20. Jh., 71 x 87 cm, ca. 900 000 PKn/m2

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