Vorwort zu "2985 - Macht der Frauen"

Dieser Roman ist ungewöhnlich in der Literatur. Seine Freizügigkeit in der Sprach wird ihm möglicherweise den Vorwurf der Pornographie eintragen. In der Tat ist die Sprache von einer Direktheit, die bisher nur in der Pornographie in der ihr eigentümlichen Art und Zielsetzung verwendet wird, hier aber zur Verbreitung einer anderen Botschaft und deren Klärung notwendig erscheint.
Um Mißdeutungen vorzubeugen, erscheint es daher geboten, die Moral dieses Romans zu rechtfertigen, die Frage nach der Moral überhaupt aufzuwerfen, den Versuch zu unternehmen, sie in einem anderen Licht vielleicht neu zu definieren.
Der Roman ist nicht als Action-Roman nach Art der üblichen Science-fiction zu verstehen. Er projiziert Lysistrata in das 21. Jh., verbindet ihre Visionen mit Huxleys „Schöne neue Welt" - und unaufhaltsam wächst ein neuer Orwellscher Staat heran, diesmal nur unter anderen Vorzeichen.
Im dritten Teil „2985" wird Ooks in die Region Amazonien gebracht. Er trifft Lina wieder, sie entdecken ihre Liebe zueinander. Doch das System ist stärker. So wie jede Herrschaft, definiert als legalisierte Macht, zerfällt, so degeneriert auch diese Herrschaft zur bloßen Macht. Und hier stellt sich zum erstenmal die Frage: Ist die Ratte im Käfig vor Winstons Gesicht, ihre Beschreibung wirklich moralischer als die „Waffe der Sexualität" und ihre Beschreibung? Ist die Moral der Frauen auf diesem Planeten, ihre Beschreibung, verwerflicher als die Moral der Welt, in der wir leben, und ihre Beschreibung? Ist die Beschreibung z.B. der intrigenhaften Mordkomplotte in den Shakespearschen Dramen bis hin zu den Thrillern, Horror und Killerspielen heutiger Autoren moralischer?
Ich meine, hier stellt sich sehr drängend die Frage nach unserer Moral, die Frage nach der Moral in der Gesellschaft, in der wir leben. Unsere Moralvorstellung folgt einer Jahrtausende alten Prägung, die uns Begriffe wie z. B. Gewehr, Pistole, Dolch usw., die doch eigentlich Mordwerkzeuge sind, selbstverständlich im Sprachgebrauch verwenden lassen, das Wort Schwanz aber z.B. tabuisieren. Wir sind in der Lage, die Darstellung eines Mordes sogar künstlerisch zu überhöhen, während uns die Darstellung der Geschlechtlichkeit mit Abscheu erfüllt. Wir nehmen den Irrsinn als Selbstverständlichkeit: Nicht die Beschreibung des Mordes, der Grausamkeit, der Folter entrüsten uns, wohl aber die Beschreibung der Geschlechtlichkeit, obwohl es doch wiederum Mord und Folter sind, die uns abstoßen, nicht aber die Geschlechtlichkeit selbst. Oder?
Haben nicht über Jahrtausende die Herrschenden, Fürsten, Geistlichkeit, die Kriege als Mittel zum Zweck geheiligt und die Waffen gesegnet, die Geschlechtlichkeit aber mit dem Makel der Sünde behaftet und in das Reich der Dunkelheit verwiesen? Ist es nicht so, daß Gewalt schon immer ein legales Mittel der Politik war und daher als normal und moralisch galt? Vorausgesetzt allerdings, sie wurde von der „richtigen Seite", der eigenen nämlich, angewandt. Und ist es nicht so, daß die Geschlechtlichkeit im Prinzip und ihre Darstellung von jeder autoritären Herrschaft, einschließlich einer autoritären Kirche, mit Zersetzung, Auflösung, wider die Ordnung gleichgesetzt wurde und z.T. heute noch wird? Wenn das so ist, ist es sicher kein Zufall. In diesem Licht ist Moral das, was nützt bzw. Der Räson dient. Die Frage, wer sie verbindlich definiert, beantwortet sich von daher selbst.
Kürzlich beschwerte sich eine Lehrerin, über die Darstellung „nackter Menschen" und bezeichnete diese Darstellung als „Pornographie". Dabei muß man sehen, daß Pornographie für viele noch immer das höchste Schimpfwort ist. Hätte diese Dame sich wohl genau so engagiert über eine Darstellung beschwert, in der Lebewesen massakriert, gevierteilt und in die Luft gesprengt werden? Ich denke, nein, denn dazu fehlt uns bis heute der Begriff, außer einer komplizierten juristischen Umschreibung, der uns das Fürchterliche gedanklich faßbar macht, während allein das Wort Pornographie uns mit Schaudern erfüllt.
Wir dürfen nun nicht übersehen, daß auf uns noch immer die Erbsünde lastet. Allerdings sollten wir uns folgendes noch einmal vergegenwärtigen und einen Augenblick auf der Zunge zergehen lassen: Nicht weil Kain den Abel erschlug, wurde der Mensch aus dem Paradies gewiesen, da war er ja schon draußen. Das war zwar eine Sünde, aber menschlich verständlich. Nein, aus dem Paradies gewiesen wurde er, weil Adam und Eva sich ihrer Nacktheit bewußt und aufeinander neugierig geworden waren. Das(!) war ihre Todsünde und ist des Menschen Erbsünde. Wir müssen wohl die Lehrerin verstehen.
So ist es denn: Das Wort „töten" ruft in uns weniger Abscheu hervor als das Wort „Pornographie" und in der Metapher „nackte Gewalt" das Wort „nackt" mehr Entsetzen als das Wort „Gewalt". Die Frage muß erlaubt sein: Was ist das für eine Moral?
So wird das Undenkbare denkbar: Zu irgendeiner Zeit erhebt irgendeine gesellschaftliche Gruppe in Umkehr oder Weiterentwicklung (das kann man sehen, wie man will) bestehender Werte und Strukturen das zur Moral, was ihr nützt und schafft damit neue Strukturen. Dabei ist die Moral der Herrschenden eigentlich weder besser noch schlechter als die der vergangenen oder gegenwärtigen Herrscher in vielen Teilen dieser Welt. Warum sollte sie auch? Sie nehmen sich, was ihnen die Umstände erlauben und setzen nur andere - eben ihre - Maßstäbe.
Zur Staatsräson gehört hier, die Männer in Abhängigkeit zu halten, und wie man das macht, das haben die Frauen gelernt. So wie die Herrschaft der Abendländer eines Tages abgelöst werden wird durch die Herrschaft junger Völker - wenn wir ihnen noch soviel Zeit geben -, so ist hier die Herrschaft der Männer abgelöst durch die der Frauen. Ebensowenig allerdings, wie die Herrschaft anderer Völker eines Tages besser sein wird als die der Abendländer, ebensowenig wird die der Frauen letztlich besser seien als die der Männer. Eine bessere Welt können wir auf unserer heutigen Bewußtseinsstufe noch nicht ausmachen.
Die Frauen auf diesem Planeten definieren die Moral neu, sie „verabscheuen die männliche Gewalt und Brutalität und regieren auf ihre Weise", so im ersten Teil der Trilogie. Sie entdecken das „älteste Mittel der Welt", die Urkraft des Sexualtriebes, den die Natur dem Menschen zu seiner Arterhaltung eingepflanzt hat, und sie machen diese Kraft für sich nutzbar, erheben sie zum Instrument ihrer Macht, indem sie den Mann damit in ihre totale Abhängigkeit zwingen. Um in der neusprachlichen Terminologie zu reden, sie haben einen neuen Kampfstoff entdeckt. Die Frage sei ein letztes Mal erlaubt: Ist dieser „Kampfstoff" denn wirklich unmoralischer als all die Kampfstoffe, die wir erfunden haben, um die Spezies Mensch endgültig von der Erde zu tilgen?
Erst durch die Unterdrückung der Sprache, die Tabuisierung der Sexualität und ihre Verdrängung in den Bereich, der dann als Pornographie bezeichnet wurde, gelang das, was die Frauen in der Folge als ihre Unterdrückung bezeichneten. Der Versuch, sich daraus durch ihre wirtschaftliche Emanzipation zu befreien, führte nur zu einer scheinbaren Befreiung. Zum einen war ihre wirtschaftliche Abhängigkeit immer nur eine künstliche und damit eine scheinbare, weil sie nur in einem bestimmten Wirtschafts- und Wertesystem gilt, in dem das Geld zum Maß aller Dinge, damit auch zum Gradmesser für die Unabhängigkeit und zum Wertmaßstab für die Anerkennung geleisteter Arbeit erhoben wurde, ein Maßstab, der ohne Zweifel austauschbar ist (die Rolle der Frau in anderen Systemen, z.B. der islamischen Gesellschaft, muß hier ausgeklammert bleiben). Ist aber die Abhängigkeit nur scheinbar, weil künstlich geschaffen, so kann ihre Befreiung daraus folgerichtig auch nur scheinbar sein. Zum anderen begaben sie sich direkt in eine andere, eine neue Abhängigkeit, nämlich mit der Fremdarbeit in die des „Arbeitgebers", des Geldgebers, und das, was sie für diese neue Abhängigkeit eintauschten, das Geld, das nun die ganze Welt bedeutet, ist nur die Fata Morgana von Unabhängigkeit und Freiheit.
Umgekehrt führt so erst die Enttabuisierung der Sprache zu einem Umbruch des Denkens. Das heißt, sie zeigt bestimmte Grundmuster auf und legt die ureigentliche Abhängigkeit bloß, und erst die Bewußtmachung führt konsequent zur eigentlichen Befreiung, zur Rückbesinnung auf sich selbst und damit zum eigenen Selbstverständnis. Und erst aus dem Wissen und dem Bewußtsein eigenen Selbstverständnisses, der Kenntnis und Erkenntnis, kann eine Öffnung zum anderen, zum Andersartigen, entstehen. Erst die Entdeckung, daß das, was der Abgeordnete unter seiner Decke macht (hier bezogen auf den 3. Band), weniger lustvoll als vielmehr zwanghaft ist, weil er nicht anders kann, daß Voyeurismus z.B. weniger mit Spaß als viel mehr mit Zwang zu tun hat, verschafft den Schlüssel zur Macht, der weit über Lysistratas Fiktion hinausweist. Allerdings ist auch hier nichts umsonst zu haben, die Münze ist die Reduktion der Beziehungen, der Preis der Orwellsche Staat mit umgekehrten Vorzeichen, in dem die Herrschaft am Ende an ihrer eigenen Macht zugrunde geht. Hier liegt, denke ich, der Unterschied zur Pornographie. Wer in diesem Roman die Pornographie suchte, würde die Trilogie gründlich mißverstehen.
Ich bin überzeugt, daß die Gewichte der Moral eines Tages neu verteilt werden, möglich, daß es manchem hier und heute noch zu früh erscheint. Die Frauen auf einem fernen Planeten in einer fernen Zukunft haben es versucht. Wenn sie letztlich damit gescheitert sind, mag das dran liegen, daß sie - den Menschen zu nah geblieben sind.
Ich würde es begrüßen, wenn die Trilogie dazu beitragen könnte, nicht die Sexualität als Feind in unserem Denken zu begreifen, als das zerstörende Element unserer Moral, sondern die Gewalt in all ihren Formen und Spielarten - im wahrsten Sinne des Wortes -, und in der Geschlechterdiskussion andere Akzente zu setzen und ihr neue Impulse zu geben.

Achim Fischer