Leseprobe aus "2985 - Macht der Frauen"

Aus Teil 1: Die Herrscherinnen

 

„Wie habt ihr es erreicht, die Männer von euch abhängig zu machen, ihr müßt doch genau so … , also euch juckt doch genau so die – äh … na ja, also ihr habt es doch genau so nötig“, stotterte Ooks, verhaspelte sich, schien sogar leicht verlegen, „verdammt, auch die Frauen sind doch den Männern nachgelaufen, ihr seid doch auch dem Zwang unterworfen. Und woran liegt es denn, daß der Widerstand gegen die Macht der Frauen nicht größer ist und die Männer ihre größere physische Kraft, die sie ja haben, nicht letzten Endes gegen die Frauen einsetzen? Notfalls könnten sie die Frauen ja vergewaltigen.“

Lina sah Ooks mit einem seltsamen, durchdringenden Blick an, dieser Blick jagte Ooks das Blut aus seinem Gehirn direkt in seinen Schwanz, einen Augenblick schien es, als fixiere die Schlange das Kaninchen, sein Glied begann sich zu heben. Lina lächelte flüchtig, machte dann eine kurze Pause, schien nachzudenken. „Das mit dem Vergewaltigen haben sie versucht“, sagte sie böse, „es hat nicht funktioniert. Und heute würden wir keinem Mann mehr raten, das zu versuchen, es wird am härtesten bestraft!

Im übrigen hat das besonders zwei Gründe. Erstens überdehnen wir unsere Macht nicht, wir beherrschen die Kunst früherer Diktatoren, den Luftballon gerade nur so lange zu drücken, daß er nicht platzt, sozusagen mit Zuckerbrot und Peitsche zu regieren. Zunächst einmal haben wir das völlige Legalitätsprinzip, das so gelehrt und von den meisten Bürgern auch so verstanden wird. Wir haben auch männliche Minister in der Regierung, allerdings nicht gerade im Sicherheitsbereich, und Voraussetzung ist, wie du inzwischen weißt, daß sie einen Zweisamkeitsvertrag geschlossen haben, das heißt, sie sind ausschließlich Abhängige. Aber diese Tatsache ist ja, wie du erfahren hast, von uns sehr geschickt aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt worden. Und schließlich nimmt der größte Teil der Männer diese Herrschaft ganz gerne hin. Immerhin ist der ganze Planet vereint, es hat seit unserer Herrschaft keinen Krieg mehr gegeben und der Lebensstandard ist entsprechend hoch.

Den eigentlichen Durchbruch aber haben wir erst erzielt, und das ist der zweite Grund, als uns die sexuelle Abhängigkeit der Männer bewußt geworden ist. Wir mögen es zwar auch gerne, aber der wesentliche Unterschied ist, wir können und ihr müßt! Daß die Frauen von Natur aus männergeil und einem Triebzwang unterworfen sind, ist ein Märchen, das die Männer erfunden und an das sie geglaubt haben. Wir Frauen können, wenn wir wollen, aber ihr Männer wollt, weil ihr müßt. Die Männer müssen ihren aufgestauten Samen irgendwann loswerden, das ist ein uraltes Naturgesetz. Dann begeben sie sich, von Unruhe getrieben, auf die Suche nach der Frau, wenn sie keine finden, suchen sie Ersatz, aber auf Dauer kann sie der Ersatz nicht befriedigen, und dann kommen wir. Jetzt sind sie der Erlösung nahe, denken sie, wenn wir ihnen auch noch schön einheizen, sie aber kurz vor dem Ziel einfach stehen lassen, glaub mir, dann tun sie alles, küssen uns die Füße nur dafür, daß wir ihre brennende Lunte in die Hand nehmen und ihnen mit unserer Hand Erleichterung verschaffen, in der Hoffnung, das nächste Mal ins Ziel zu kommen. Sie küssen uns die Füße, nur um uns berühren, ja nur um uns ansehen zu können und hoffen immer darauf, mit ihrer aufgepumpten Fahnenstange durch unsere Pforte zu kommen. Ist es nicht so?“

Ooks erschrak.

„Du brauchst gar nichts zu sagen, ich weiß es. Aber wir, wir können warten, ein Jahr –, zwei Jahre –, drei — oder auch länger, wir müssen nicht, das ist unsere Stärke!

Immer waren es die Männer und nur die Männer, die mit dem Betrachten des nackten Körpers des anderen Geschlechts oder der Beschäftigung mit wie auch immer gearteter Pornographie ihrem Trieb gefolgt sind und ihre Gier gesteigert haben, steuern oder gar unterdrücken konnten sie ihn nie oder doch nur selten, zumindest dann nicht, wenn die Frau nachgeholfen hat.“ Lina lachte plötzlich ein gehässiges Lachen. „Nie aber wirst du erleben, daß eine Frau durch das Betrachten nackter Männer in Triebzwang versetzt wird. Ich habe schon einen Löwen brüllen hören, weil ihn der Trieb gepackt und er keine Löwin hatte, hast du schon mal von einer Löwin ähnliches gehört?“

„Ist es nicht aber unmoralisch“, hatte Ooks eingewandt, „den Zwang des Mannes nach Befriedigung seines Geschlechtstriebes nicht nur auszunutzen, sondern ihn auch noch aufzuheizen und mit der Aussicht auf Befriedigung seine Unterwerfung zu erzwingen?

„Die Moral ist schon immer unterschiedlich definiert worden, je nach Gesellschaftssystem, und anerkannt wurde immer nur der Moralbegriff, der den Herrschenden gerade ins Konzept paßte. Verurteilt wurde immer das, was die anderen machten, gerechtfertigt jeweils das, was man selber tat, einschließlich der Gewaltanwendung gegen Menschen und Tiere bis hin zu Folter und Mord. Wir haben auch unseren Moralbegriff, was du da eben gesagt hast, gehört nicht dazu. Im übrigen darfst du nicht vergessen, daß unsere Herrschaft nicht gegen die Mehrheit ausgeübt wird, nicht einmal gegen die Mehrheit der Männer. Im Gegenteil, wir leben in einer Form der Demokratie, die von der Mehrheit so akzeptiert wird. Aber das wirst du erst nach und nach verstehen“

 

Aus Teil 2: Macht der Frauen

Nur für einige Sekunden hatte sie ihre Augen forschend und stechend auf ihn gerichtet, dann plauderte sie munter drauf los. „Ich bin Nostra mit der Nummer 632. Es wird bald keine Namen mehr geben, sondern nur noch Nummern. Namen gibt es jetzt nur noch für eine Übergangszeit zur Umgewöhnung, dann werden wir nur noch Nummern haben. Dann wird es auch keine Liebe mehr geben, oder kannst du dir vorstellen, daß es noch einen Hauch von Romantik hat: Nummer 7182 liebt Nummer 2133? Das wirkt doch höchstens lächerlich.

Unsere Sprachlexika werden ständig dünner, bestimmte Begriffe gibt es nicht mehr, so erhält der Begriff Liebe eine ganz andere Bedeutung. Liebe wird es nur noch zu unserer Obersten Herrscherin und Beschützerin geben. ......

Das alles ist in Vorbereitung.“ Sie sah ihn mit einem Strahlen an wie ein Kind, dem ein Streich gelungen ist. „Auch den Begriff Namen wird es mit Ausgabe des neuen Lexikons nicht mehr geben. Das ist der Zeitpunkt, ab dem die Namen nicht mehr genannt werden dürfen, und damit leiten wir die zweite Revolution ein.“

..........

 Dann wird es keine Untergrundorganisation mehr geben, weil die herrschende Ordnung als natürlich empfunden und gleichzeitig als nicht existent gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Dann brauchen wir auch dieses Gefängnis nicht mehr, es trocknet einfach aus. Und dann endlich wird auch das Paradies auf Xtra Wirklichkeit werden. Denn nur wir Frauen können das Paradies bereiten und nur wir allein sind in der Lage dafür zu sorgen, daß es nicht wieder zerstört wird.“ Ihre Augen leuchteten.

„Und das wollt ihr nur durch die Nummerierung erreichen? Das werdet ihr nie schaffen, das wird euch nicht gelingen!“ Ooks schüttelte den Kopf, er wußte nicht, ob er lachen oder sich wundern sollte.

„Nein?“ Nostras Frage klang gedehnt. Sie sah Ooks mit einer hochmütigen Selbstgefälligkeit an, die sein Blut zum Gerinnen brachte.

„Natürlich nicht nur durch die Einführung des Nummernsystems. Frage einen Mann, der als Funktionär bei der Regierung tätig ist. Bei etwa 90 % der Funktionäre haben wir dieses Zwiedenken heute schon verankert. Der Mann wird dir versichern, daß die Gleichberechtigung total verwirklicht sei, und er ist fest überzeugt davon, obwohl er genau weiß, daß das nicht stimmt. Seine Abhängigkeit hat er verdrängt.“

Und wieder traf Ooks dieser seltsame Blick.

„Das Instrument eurer Macht habt ihr zwischen euren Beinen“, knurrte er.

Nostra lachte, als hätte er einen guten Witz gemacht: Das alleine würde aber nicht reichen, das ist nur der sichtbare Teil.“ Sie tippte sich an die Stirn: „Der unsichtbare Teil sitzt hier. Und der dritte Teil seid ihr“, sie zeigte auf Ooks, „seid ihr Männer, der Teil sitzt gewissermaßen zwischen euren Beinen“, fügte sie süffisant hinzu. „Es ist also schon eher ein ganzes Instrumentarium, wie du siehst, und du mußt zugeben, daß wir sehr geschickt damit umgehen können.“ Sie lachte ein sehr sympathisches Lachen.

Ooks war sich nicht sicher, ob sie ihn an- oder auslachte.

…………..

„Euer Gerede von Gleichheit und Gleichberechtigung ist pure Heuchelei, nichts ist davon wahr.“ Ooks war wütend wieder in die Du-Anrede zurückgefallen. „Eure Gesellschaft ist eine Weibergesellschaft, die sich Abhängige und Hörige geschaffen hat, geboren aus einer primitiven Philosophie, eine finstere Sklavenhalterordnung aus dem frühen Mittelalter mit einer strengen Hierarchie unter den Weibern, ein billiges Spiegelbild der Ordnung auf der Erde!“

Spöttisch lächelte sie ihn an: „Bist du fertig? Wer spricht denn hier von Gleichheit? Sind wir vielleicht gleich? Sieh dich doch an und sieh mich an. Na?“ Anzüglich betrachtete sie ihn, wobei sie ihre Augen genüßlich über sein steifes Glied wandern ließ.

„Nicht ich! Ihr redet dauernd davon, von der gerechten Gesellschaftsordnung, von der Gleichheit und Gleichberechtigung, die ihr verwirklicht hättet. Alles erlogene Propaganda!“

„Warum sollten wir Propaganda machen? Wir haben das nicht nötig. Auch reden wir nicht von Gleichheit, das tust nur du, und du mußt da was verwechseln, wir sprechen von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, das ist ganz was anderes, und beides haben wir auch verwirklicht.“

Ooks lachte höhnisch.

„Du brauchst gar nicht zu lachen. Du hast noch nichts begriffen, gar nichts, und du mußt deine Lektion noch besser lernen.!

Jahrtausende strebten die Menschen auf der Erde nach Gleichheit. Alle Menschen sollten in das gleiche Bett passen, das obere Ende mit dem Kopf berühren und das untere mit den Füßen. Wer zu kurz war, wurde ein wenig gestreckt, wer zu lang war, der wurde oben so lange kürzer gemacht, bis er gleich war und hineinpaßte. Was herauskam war eine hirnlose Mittelmäßigkeit, mit der z.B. die Besiedlung dieses Planeten überhaupt nicht möglich gewesen wäre.

Und nun kommt die Ungleichheit.“ Nostra zwinkerte Ooks zu, als sie auf seinen Schwanz sah, der ihm lang und schwer zwischen den Beinen hing. „Wie langweilig wäre das Leben, und womit sollten wir euch wohl ohne diesen Zügel“, sie deutete mit ihrem Kopf auf sein Anhängsel, „wohl hierhin und dorthin lenken, wenn es nicht den kleinen Unterschied gäbe?“ Sie lachte Ooks an.

„Für euch wäre das vielleicht langweilig, für uns nicht“, knurrte Ooks, „und lenken sollt ihr uns überhaupt nicht.“

Nostra lachte laut heraus, als sie Ooks finstere Miene sah. „Wir lenken euch doch nur dorthin, wo ihr ohnehin hinwollt. Ihr seid Kometen, die mit ihrem Schweif um die Sonne kreisen.“

Plötzlich zog ein Schatten über ihr Gesicht, ihre Miene verfinsterte sich, ihre Augen wurden hart, der Blick herablassend: „Sieh mir in die Augen!“ Sein Blick wanderte ihre Beine hoch über ihr schwarzes Dreieck, bis er ihrem Blick begegnete. Sein Glied begann sich langsam zu heben.

„Was hat Ferno über unser System gesagt, ist er nicht ganz zufrieden?“

„Das werden Sie von mir nicht erfahren!“ Zum Kuckuck mit dieser Anrede, dachte Ooks, er wurde wieder wütend, was sie konnten, konnte er auch. Was bildeten die sich eigentlich ein, diese Weiber? Was glaubten sie, wen sie vor sich hatten? „Außerdem wißt ihr doch sowieso alles, ich denke, ihr habt ein lückenloses Überwachungssystem?“

Nostra verzog keine Miene. „Wir hatten leider einen zeitweiligen Ausfall. Also, warum nicht?“ Sie lachte. Es schien, als lachte sie ihn aus.

„Ich bin kein Verräter, außerdem ist Ferno mein Freund.“

„Hahaha, Freundschaft unter Männern gibt es nicht. Wir sind eure wahren Freunde – oder Freundinnen“, fügte sie süffisant hinzu, „wie du willst.“

„Weißt du, was ein Gewissen ist? Würdest du, was dir von einer Freundin anvertraut worden ist, weitererzählen?“

„Glaub mir, Ferno würde es ohne Bedenken tun.“ Dann sah sie ihn vielsagend an und sagte, jedes Wort betonend: „Ein steifer Schwanz hat kein Gewissen.“

Seine Fahne hatte sich während der Unterhaltung langsam gesenkt

Langsam erhob sie sich, ihn nicht aus den Augen lassend, warf die Zigarette fort und stemmte die Hände in die Hüften. Hinter ihrem Rücken versank die Sonne am Horizont dieses ungewöhnlichen Planeten. Das Licht ihrer Strahlen gab den Lippen ihrer Spalte eine übernatürliche Plastizität, brach sich im Gewirr der Haare, die, leuchtenden Tentakeln gleich, bizarr ihre Fangarme nach ihm auszustrecken schienen.

Ooks starrte in diese verzauberte Landschaft, durchzogen von funkelnden, glühenden Fäden, die ihn stärker und stärker in ihren Bann zogen, sich langsam, ganz langsam auf ihn zubewegten und seine Sinne fesselten.

 

Aus Teil 3: 2985

Ooks schlug die Augen auf. „Willkommen in der Freiregion Amazonien, deinen Paß, Bürger!“ Vor sich sah er zwei Frauen. Die Frau mußte ihre Aufforderung schon ein paarmal wiederholt haben, ihre Stimme klang ungeduldig, sie hatte ihn geweckt.

Verstört sah er sich um und überlegte. Er saß in einer Einschienenbahn. Die Frauen des Sicherheitsdienstes hatten ihn aus dem Lager, in dem er etwa zwei Planetenmonde gewesen war, direkt zu einer Station gebracht. Sie hatten ihn mit Übergangsgeld, wie sie es nannten, versehen und mit einer Berechtigungskarte für die Bahn. Fragen hatten sie nicht beantwortet, sie hatten ihm nur kurz in die Augen gesehen, und kurze Zeit danach hatte der Schlaf seinen Mantel über ihn gebreitet.

Ooks reichte ihr seinen Paß, dabei sah er die Frauen genauer an. Sie waren groß, stämmig und vollschlank. Riesengroß, mindestens einen Kopf größer als er, und dabei war er schon nicht klein geraten, Riesenweiber würde er zu Hause gesagt haben. So hatte er sich immer Amazonen vorgestellt.

Sie trugen einen schwarzen, helmartigen spitzen Hut, der aussah wie eine umgekehrte Dreieckstüte. Über den Augen lief die Tüte in einer gesteppten Manschette aus, die Stirn und die halbe Augenpartie der Trägerin bedeckte. Der Ausdruck der Frauen wirkte streng und maskenhaft. Die Haare waren lang, aber zu einem Zopf geflochten, der ihnen über die Schulter hing, was den Eindruck der Strenge noch verstärkte. Unter einer schwarzen, offenen Jacke mit breitem Revers trugen sie eine rote Bluse und einen schwarzen, engen knielangen Rock, der durch einen breiten Gürtel gehalten wurde, an dem eine Strahlenpistole hing. Der Rock war an der Seite bis zum Oberschenkel aufgeschlitzt. Der Stoff war aus einem dünnen, plastikähnlichen, leicht glänzenden Material. An den Beinen trugen sie rote Stiefel. Mit der Uniform symbolisierten sie die Farben der Region, schwarz und rot. Ihr Ring glänzte in der roten Farbe des Sicherheitsdienstes.

Die Frau sah den Paß kaum an, sondern schrieb sofort etwas hinein, sie schien Bescheid zu wissen.

„Du befindest dich in der nördlichsten Zone, der Freiregion Amazonien, innerhalb dieser Zone darfst du dich bewegen, die Grenzen aber nicht überschreiten ohne Erlaubnisvermerk, der nur vom Schutzministerium ausgestellt werden kann,“ sie reichte ihm eine Karte der Region, „zu deiner Information. Deinen Namen kannst du vergessen, du bist ab sofort der Bürger T zwei vierundzwanzig sechsundsechzig, Innerhalb der nächsten fünf Tage wirst du dir eine Unterkunft und Arbeit besorgt haben. Eine meldepflichtige Unterkunft und zehn Stunden Arbeit in der Woche sind Pflicht. Das wär’s, Bürger.“

„Einen Augenblick. Wo soll ich Arbeit und Unterkunft finden?“

„Es wird sich ergeben.“ Damit drehten sie sich um und verließen das Abteil.

...........

Gestern hatte Lina ihm ein Zeichen gegeben. Ooks hatte Ukas sofort informiert. Er freute sich, hatte die Nacht kaum geschlafen. Immer wieder waren Bilder vor ihm aufgetaucht, wie sie ihm den Kuß gegeben hatte und dann, wie sie in seinem Traum in großen, langen Schritten über eine Wiese geschwebt waren. Er hatte die 14. Stunde kaum erwarten können, so ungeduldig war er gewesen und aufgeregt, wie ein kleines Kind. ...

 

„Komm“, sagte sie nur, zärtlich und leise. Ooks fiel ihr in die Arme, sie liebten sich, und sie küßten sich, eine immer neue Welle der Zärtlichkeit trug sie hoch. Ooks hatte vergessen, daß es dieses Gefühl noch gab, immer und immer wieder verströmte er sich in ihr, bis sie zu ihm sagte: „Nun ist es genug, sonst merkt deine Herrin etwas, du mußt noch was für sie übrig lassen.“ Spitzbübisch sah sie ihn an.

Unvermittelt riß es Ooks in die Wirklichkeit zurück. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände, streichelte zärtlich über seine Wange: „Ich liebe dich.“ Ooks las in ihren Augen das Wunder der Liebe.

„Ich dich auch. Was ist geschehen, wie ist das möglich? – Ist nicht auch bei euch Liebe verboten?“

„Verboten schon“, sie lächelte ihn immer noch zärtlich an, „aber sie haben bei uns nicht das Gehirn operiert und die Gene manipuliert. Im allgemeinen funktioniert das auch so ganz gut, wie du ja weißt, bis auf Ausnahmen“, sie gab ihm einen Kuß, „und damit wird der Staat sehr schnell fertig.

Auch wir, mein Lieber, sind vom heutigen Tage an bereits tot, gelöscht, vielleicht können wir es noch ein wenig hinausschieben, verhindern können wir es nicht. So laß uns die Zeit, die uns bleibt, intensiver leben, das neue, unbekannte Gefühl auskosten, das Glück begreifen.“ Sie sah sein erschrockenes Gesicht. „Reut es dich?“ Wieder gab sie ihm einen Kuß, eine neue Welle der Zärtlichkeit hüllte ihn ein und trug ihn empor: „Nein! Nein was denkst du, meine Liebe, ich denke nicht an mich dabei, sondern an dich. Gelöscht, sagst du, hast du mir nicht einmal erklärt, daß ihr keine Frauen tötet?“

„Wir nicht, das war in Xtra, aber die Amazonen schon.“ Sie lachte ihn an: „Mach dir darüber keine Gedanken. Ich habe dir bereits gesagt, schon unsere Spionagetätigkeit hier in Amazonien läßt uns nicht mehr als ein Prozent Überlebenschancen. Nun, auf dieses eine Prozent können wir auch verzichten, laß uns dafür die Zeit, die uns noch bleibt, glücklich sein.

Sie lächelte ihn an, so daß Ooks fasziniert war, benommen, durch seine Sinne brauste ein Sturm. „Ich liebe dich“, flüsterte er, „ich liebe dich mehr als mich, gibt es das?“ Er umarmte sie, preßte sie an sich.

„Ich dich auch“, lächelte sie, „ich weiß zum erstenmal in meinem Leben, was Glück ist, was Glück wirklich bedeutet, dafür danke ich dir, mein Liebster, und wenn es der letzte Augenblick in meinem Leben sein sollte, so weiß ich doch nun, wofür ich gelebt habe.“ Sie sagte es ahnungsvoll, fast ein wenig ängstlich, sie umarmte ihn innig, küßte zart seine Augen, seinen Mund.

„Jetzt nicht“, behutsam drängte ihre Hand ihn zurück, „jetzt sei schön brav, setz dich hin und höre mir zu.“

„Wie kann ich das?“ Scheinbar empört sah er sie an.

Lina lachte: „Nimm dich zusammen, immer geht das auch nicht so, sei jetzt brav.“ Ein abschließender Kuß besiegelte, was sie gesagt hatte. „Also, was macht der Mann jetzt unter Druck?“

„Ich werd’s dir gleich zeigen“, knurrte Ooks.

„Schsch, brav jetzt. Früher, in der Männergesellschaft, nahm er sich eine Frau, er ‘eroberte sie, ging ins Bordell, wenn er keine hatte oder nahm sie sich auch mit Gewalt, wenn die Umstände es ihm erlaubten. Nachdem es das Bordell nicht mehr gab und Gewalt für Männer von den Umständen her nicht mehr möglich war, mußte er gefügig werden, wenn er anders nicht zum Zuge kam. Als uns das klar wurde, zeigten wir ihm unseren Körper, nach dem es ihn gelüstete, natürlich nur stückchenweise, damit er begierig wurde auf das, was im Verborgenen blieb. Mit anderen Worten, wir heizten ein, legten nach, machten ihn heiß, hielten unsere Beine aber hübsch geschlossen, so lange, bis sein Druck so stark wurde, daß er es nicht mehr aushalten konnte. So hatten wir immer die gefügigsten Männer.“

„Ganz schöne Biester“, brummte Ooks. Lina kicherte scheckernd.

„Das war der Anfang der Revolution, der Beginn unserer Machtübernahme. Dabei brauchten wir zunächst etwas, um gegen den körperlich stärkeren Mann anzukommen. Wir entwickelten geistige Kräfte, setzten seinen Willen außer Kraft und ersetzten ihn durch unseren Willen. Heute ist es dem Mann nicht mehr möglich, seine größere körperliche Kraft gegen uns einzusetzen, weil er nicht mehr in der Lage ist, den Willen dazu aufzubringen. Die Amazonen haben, wie du gesehen hast, einen auch körperlich kleineren Mann gezüchtet, aber nicht, weil es notwendig gewesen wäre, es war nur eine Laune. Sie lieben es, auch körperlich überlegen zu sein.“

„Aber warum haben die Männer nicht diese geistigen Kräfte entfaltet?“

…………..

„Die Frauen suchten Gleichberechtigung und fanden doch immer nur Gleichheit. So darf es nicht wundern, wenn sie auch die gleichen Fehler gemacht haben.Für heute müssen wir uns trennen, es ist spät geworden, wir müssen alles vermeiden, was auch nur den leisesten Verdacht erregen könnte. Wenn du gefragt wirst, sag, du seiest spazierengegangen. Ich gebe dir Nachricht, wann wir uns wiedersehen.“Sie umarmten sich, und in der Umarmung erfuhren sie einen jener im Leben seltenen Augenblicke, die tief und unauslöschlich die Seele berühren und sie für die Winzigkeit dieses Augenblicks eins werden läßt mit der Unendlichkeit in Zeit und Raum. Als Lina und Ooks ins Freie traten, wurden sie verhaftet. Die Posten standen rund um den Eingang, die Ränder ihrer Mützen verdeckte ihre Augen, kein Muskel in ihren Gesichtern bewegte sich, regungslos, zur Säule erstarrt standen sie, die Strahlenwaffe im Anschlag.

.........

 

Als Ooks zu sich kam, war er in einem Raum, der nicht größer als zwei mal zwei Meter sein mochte. Das Inventar bestand nur aus einer Liege, an der Wand befand sich der Televisor, darunter DAS BILD und DER SPRUCH. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine Türöffnung, die durch ein Gitter versperrt war.

.........

 

Epilog

 

Die Frauen auf einem fernen Planeten in einer fernen Zukunft verabscheuten die männliche Gewalt und Brutalität. Sie hatten die Gewichte der Moral neu verteilt, die Moral auf ihre Weise definiert und versucht eine schönere, eine bessere Welt zu errichten.

Zur Staatsräson gehörte hier, die Männer in Abhängigkeit zu halten, und wie man das macht, das haben die Frauen gelernt. So wie die Herrschaft der Abendländer eines Tages abgelöst wird durch die Herrschaft junger Völker – wenn wir ihnen denn noch soviel Zeit geben –, so wurde auf diesem Planeten die Herrschaft der Männer abgelöst durch die der Frauen. Ebensowenig allerdings, wie die Herrschaft anderer Völker eines Tages besser sein wird als die der Abendländer, ebensowenig konnte die der Frauen am Ende besser sein als die der Männer. Eine bessere Welt können wir auf unserer heutigen Bewußtseinsstufe noch nicht ausmachen.

Die Frauen auf diesem Planeten hatten es versucht. Manchen möchte es hier und heute noch zu früh erscheinen. Wenn sie letztlich damit gescheitert sind, mag das dran liegen, daß sie – den Menschen zu nah geblieben sind.